Kolumne im Juni 2026
Die Juni-Kolumne von Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende steht unter dem Titel "Unsere Stadt ist beim Rettungsdienst für die Zukunft gut aufgestellt".
Liebe Wiesbadenerinnen und Wiesbadener,
nicht nur bei den täglichen Einsätzen in der Gefahrenabwehr, sondern auch bei außergewöhnlichen Herausforderungen – etwa der Versorgung von Geflüchteten im Jahr 2015 oder dem Aufbau und Betrieb des Impfzentrums während der Coronapandemie – hat sich gezeigt, wie wichtig eine enge Vernetzung der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr in der Landeshauptstadt Wiesbaden ist.
So ist 2016 die Entscheidung getroffen worden, den Rettungsdienst und die Medizinische Gefahrenabwehr organisatorisch mit der Feuerwehr „unter einem Dach“ zu vereinen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Trägerschaft des Rettungsdienstes beim Gesundheitsamt angesiedelt und somit die beiden Aufgaben auch zwei unterschiedlichen Dezernaten zugeordnet. Die Entscheidung, den Rettungsdienst in die Verantwortung der Berufsfeuerwehr zu überführen, war damals eine strategische Weichenstellung. Sie war getragen von der Überzeugung, dass wir durch eine stärkere Bündelung von Kompetenzen die Qualität, Effizienz und die Zukunftsfähigkeit der Notfallversorgung in Wiesbaden nachhaltig verbessern können.
Heute, zehn Jahre später, können wir sagen: Diese Entscheidung war richtig. Was sich in dieser Zeit entwickelt hat, ist beeindruckend. Aus einer vergleichsweise kleinen Organisationseinheit ist ein leistungsfähiges Sachgebiet mit klaren Strukturen, wachsender personeller Stärke und hoher fachlicher Kompetenz geworden. Dieses Wachstum steht sinnbildlich für die zunehmende Bedeutung des Rettungsdienstes – und für die Verantwortung, die wir als Stadt tragen.
Besonders hervorheben möchte ich die konsequente Weiterentwicklung durch Innovation. Eine Vielzahl richtungsweisender Projekte wurde in den vergangenen Jahren umgesetzt: Die enge Zusammenarbeit mit dem Bereich "Selbständiges Leben im Alter" im Amt für Soziales, bei dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rettungsdienstes soziale Bedarfe bei ihren Patienten feststellen und über eine standardisierte Rückmeldung die KollegInnen des Sozialamtes einschalten können, zeigt, dass Rettungsdienst weit mehr sein kann als reine Notfallreaktion.
Ein weiterer Meilenstein war die Einführung der "Mobilen Retter" – ein App-basiertes Ersthelfersystem, das beim Verdacht auf einen Herz-Kreislauf-Stillstand den nächst-stehenden Ersthelfer zur Verkürzung des therapiefreien Intervalls alarmiert. Das Netzwerk der "Mobilen Retter", das heute über 700 engagierte Helferinnen und Helfer umfasst konnte die durchschnittliche Eintreffzeit bei einer Reanimation von etwa acht auf etwas über drei Minuten reduzieren.
Das Projekt "Hebamme vor Ort" wird noch in diesem Sommer an den Start gehen und die Versorgungssicherheit für werdende Mütter in unserer Stadt spürbar verbessert. Die teilnehmenden Hebammen werden dann beim Einsatzstichwort „beginnende Geburt“ parallel zum Rettungsdienst mitalarmiert, um frühestmöglich zusätzliche Kompetenz und geburtshilfliche Erfahrung an die Einsatzstelle zu bringen.
Auch im Bereich der Hochleistungsmedizin wurden wichtige Impulse gesetzt. Mit dem Intensivtransportfahrzeug und der Möglichkeit, gemeinsam mit der Helios HSK ein mobiles ECMO-Team einzusetzen, wird medizinische Spitzenversorgung mobil und flexibel verfügbar gemacht. Das ist ein echter Gewinn – nicht nur für Wiesbaden, sondern für die gesamte Region.
All diese Projekte stehen für ein modernes Verständnis von Daseinsvorsorge: vernetzt, vorausschauend und am Bedarf der Menschen orientiert.
Bei aller Würdigung der einzelnen Projekte und Entwicklungen möchte ich einen Punkt besonders betonen: Die Stärke dieses Systems liegt in seiner Struktur. Die enge organisatorische Verbindung von Rettungsdienst, Feuerwehr und Zentraler Leitstelle ist weit mehr als eine Verwaltungsstruktur – sie ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor moderner Gefahrenabwehr. Durch die Bündelung von Ressourcen können Synergien genutzt werden – sei es bei Personal, Infrastruktur, Ausbildung oder Technik. Gerade in Zeiten knapper Haushalte ist es unsere Pflicht, wirtschaftlich zu handeln, ohne dabei Abstriche bei der Qualität zu machen. Die vergangenen zehn Jahre zeigen: Beides ist möglich.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist dabei auch die enge organisatorische und fachliche Verzahnung von Rettungsdienst und Zentraler Leitstelle. Der überwiegende Teil der Einsätze, die in der Leitstelle bearbeitet werden, entfällt auf den Rettungsdienst. Die Qualität der Notrufabfrage, die richtige Priorisierung von Einsätzen, die Auswahl geeigneter Einsatzmittel und die Steuerung freier Ressourcen entscheiden häufig bereits in den ersten Minuten über den weiteren Verlauf eines Einsatzes.
Gerade deshalb ist die unmittelbare Nähe zwischen Rettungsdienstträger, Leitstelle und operativer Gefahrenabwehr von besonderer Bedeutung. Kurze Abstimmungswege, gemeinsame Qualitätsstandards und die Möglichkeit, Entwicklungen unmittelbar in Ausbildung, Technik und Einsatzsteuerung einfließen zu lassen, tragen entscheidend dazu bei, die hohe Qualität der Notfallversorgung in Wiesbaden dauerhaft sicherzustellen.
Besonders in außergewöhnlichen Lagen zeigt sich die Stärke integrierter Strukturen. Ob Großschadensereignisse, Pandemie oder komplexe Einsatzlagen – eingespielte Abläufe, kurze Entscheidungswege und ein gemeinsames Lageverständnis sind in solchen Situationen von unschätzbarem Wert.
Es geht dabei letztlich vor allem um Vertrauen. Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt verlassen sich darauf, dass Hilfe schnell, professionell und zuverlässig kommt – unabhängig davon, ob es sich um einen Brand, einen Unfall oder einen medizinischen Notfall handelt. Dieses Vertrauen ist Grundlage unseres Handelns. Eine leistungsfähige und gut organisierte Gefahrenabwehr stärkt dieses Vertrauen Tag für Tag.
Zehn Jahre sind ein wichtiger Meilenstein – aber kein Endpunkt. Die kommenden Jahre werden neue Herausforderungen mit sich bringen. Wenn wir jedoch auf das schauen, was in Wiesbaden in den vergangenen Jahren entstanden ist, dann können wir mit Zuversicht sagen: Unsere Stadt ist für die Zukunft gut aufgestellt.
Mein Dank gilt allen, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben – den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, in der Zentralen Leitstelle, in der Verwaltung, in den Kliniken und bei allen Partnerorganisationen. Ihr Engagement, ihre Kompetenz und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sind das Fundament dieses Erfolges – das werden wir auch Ende Juni bei einem kleinen Empfang im Rathaus feiern.
Herzlichst
Gert-Uwe Mende
Oberbürgermeister
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