Helmuth-Plessner-Preis 2026
Der Wiesbadener Helmuth-Plessner-Preis, der in diesem Jahr zum fünften Mal vergeben wird, geht an den amerikanischen Philosophen und kritischen Theoretiker Jay M. Bernstein.
Helmuth Plessner, 1892 in Wiesbaden geboren, war für die europäische Philosophie, Biologie und Soziologie ein bedeutender Impulsgeber und gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der "philosophischen Anthropologie". Der Helmuth-Plessner-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre von der Landeshauptstadt Wiesbaden in Kooperation mit der Helmuth Plessner-Gesellschaft an eine renommierte Persönlichkeit vergeben, die sich um Aspekte des Plessner‘schen Werks in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
Der Philosoph Jay M. Bernstein gehört seit Jahrzehnten zu den besten Kennern deutschsprachiger Philosophien in den USA und hat sich verstärkt mit Helmuth Plessners Philosophischer Anthropologie beschäftigt. Bernstein trug wesentlich dazu bei, Plessners Werk über den deutschsprachigen Raum hinaus, insbesondere in der angelsächsischen Welt, bekannt zu machen und seine Aktualität für gegenwärtige Debatten in Philosophie und Soziologie hervorzuheben.
Preiskuratorium
An der Sitzung des Preiskuratoriums nahmen gleichberechtigt für die Helmuth-Plessner-Gesellschaft Prof. Dr. Gesa Lindemann, Prof. Dr. Julien Kloeg, Dr. Steffen Kluck, Prof. Dr. Volker Schürmann, die von der Stadt nominierten Mitglieder Prof. Dr. Robert Gugutzer, Jürgen Kaube, Prof. Dr. Andreas Brensing, sowie Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl teil.
Über Jay M. Bernstein
Jay M. Bernstein gehört seit Jahrzehnten zu den besten Kennern deutschsprachiger Philosophien in den USA. Legendär sind seine Kant- und Hegel-Vorlesungen in New York. Er hat Standardwerke zur klassischen und romantischen Ästhetik in Deutschland, zur Literaturphilosophie von Georg Lukács’ Romantheorie bis Derridas Dekonstruktion, zur Wiederentdeckung der Ethik in der Frankfurter Kritischen Theorie, zur Philosophie und insbesondere Ästhetik Theodor Wiesengrund Adornos in ihren vielfältigen Bezügen zur Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts verfasst. Einen besonderen Schwerpunkt in Bernsteins ästhetischem Interesse stellen die Bildenden Künste in der modernen Malerei als Kontrast zu den Körper-Darstellungen in der Werbung dar. Sein eigener ästhetischer Fokus in der Transformation von Kant und Hegel hat ihn durchgängig dazu gebracht, die idealistischen Traditionen ihrem Hiatus in der körperleiblichen Existenz Hier und Heute auszusetzen und so dialektisch durch Formen der Materialität zu brechen.
In dem letzten Jahrzehnt hat sich Bernstein deshalb auch verstärkt mit Helmuth Plessners Philosophischer Anthropologie beschäftigt. In Bernsteins Buch Torture and Dignity (Uni of Chicago Press 2015) arbeitet er sehr überzeugend mit Plessners Differenz zwischen Leib-Sein und Körper-Haben für Personen. Da Plessner Personen nicht dualistisch in atomisierte Selbstbewusstseine abspaltet, sondern in interpersonalen Relationen der Mitwelt und in der Körper-Leib-Differenz situiert, kann Bernstein ein sehr weites und differenziertes Verständnis von zu respektierender Würde und von psychisch wie physisch gewaltsamen Verletzungen dieser Würde durch Folter entwickeln. Dieser Essay ist in der praktischen Ethik und Politischen Philosophie auf großes Interesse gestoßen.
Bernstein hat sich in den letzten Jahren ganz besondere Verdienste in der Aufnahme und Verbreitung von Plessners Philosophischer Anthropologie in der angelsächsischen Welt erworben. 2019 erschien die englische Übersetzung von Plessners Die Stufen des Organischen und der Mensch mit einer ausführlichen Einleitung von Jay Bernstein. In ihr hat er die Originalität von Plessners Einsatz vor allem für die gegenwärtige US-amerikanische Diskussion über Bio- und Naturphilosophie im Hinblick auf die Lebenswissenschaften herausgearbeitet (Fordham Uni Press). 2020 erschien auch die zweite Auflage von Plessners Lachen und Weinen auf Englisch (Northwestern Uni Press), erstmals mit einem neuen Vorwort von Jay M. Bernstein. In ihm stellt er Plessners Originalität in der philosophisch integrativen Thematisierung von Grenzen der personalen Lebensführung für die heutige US-amerikanische Diskussion heraus. Dadurch können sowohl die Entgrenzung der Selbstverwirklichung als auch der Konformismus des Mitlaufens gehaltvoll kritisiert werden.
Jay M. Bernstein ist Philosophie-Professor an der New School for Social Research in New York City, die für ihre Aufnahme vieler EmigrantInnen, die vor dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen mussten, berühmt geworden ist, und an der Helmuth Plessner 1962/63 der erste Inhaber der Theodor-Heuss-Professur war. Er lehrte 25 Jahre an der University of Essex in England und an der Vanderbilt University, wo er W. Alton Jones-Professor für Philosophie war. Bernstein promovierte 1975 an der University of Edinburgh; seine Dissertation befasste sich mit der Beziehung zwischen Physik und Biologie in Kants kritischer Philosophie.
Jay M. Bernstein ist gerade dabei, ein Buch mit dem Titel "Earth Justice" fertigzustellen. Es befasst sich mit der ethischen Herausforderung des Klimawandels und der Bedeutung des Anthropozäns für das Verständnis des menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde. Darin argumentiert er, dass der Mensch nicht nur als Teil der lebendigen Natur verstanden werden muss, wie in der philosophischen Anthropologie von Plessner, sondern dass er nun auch moralisch und politisch in die ökologische Gemeinschaft der Erdbewohner einzuordnen ist: "Das Anthropozän ist ein ethisches Ereignis; der Klimawandel hat der ökologischen Integrität der lebendigen Erde schweren Schaden zugefügt, und wir sind nun für ihr zukünftiges Wohlergehen, für ihre Wiederherstellung und Zukunftsfähigkeit verantwortlich. Wir können nur dann Verantwortung gegenüber und für andere Menschen, einschließlich zukünftiger Generationen, übernehmen, wenn wir Prinzipien der „Erdgerechtigkeit“ anwenden, darunter eine internationale Ökozid-Konvention, die denselben Stellenwert wie die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes hätte."
Preisverleihung am 4. September 2026
Am Freitag, 4. September, wird der Preis im Rathaus im Rahmen eines Festaktes übergeben. Ergänzend zu der Preisverleihung sind ein Vortrag des Preisträgers und eine wissenschaftliche Tagung zum Werk des Preisträgers vorgesehen.
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